Ist Neoliberalismus doch nicht Neoliberalismus?

Die Süddeutsche Zeitung benutzt den Begriff des „Neoliberalismus“ im Regelfall so wie die meisten anderen Medien und Politiker: als abwertende Bezeichnung, die nichts mit seiner Herkunft zu tun hat, die Raubtier- oder Turbokapitalismus meint. Der „doktrinäre Neoliberalismus in der Wirtschaftspolitik und die neokonservativen Doktrinen in der Außenpolitik sind durch die Finanzkrise und den Krieg im Irak diskreditiert worden“, hieß es dort jüngst, vom „Neoliberalismus mit seinem Privatisierungswahn“ war die Rede, Heribert Prantl brandmarkte die FDP „als die Partei, die den Neoliberalismus zur politischen Glaubenslehre gemacht hat. Die FDP ist die Partei, die vor elf Jahren ihr Wiesbadener Programm als turbokapitalistisches Manifest geschrieben hat.“ Prantl fragt in einem anderen Kommentar die Groß-Manager: „Haben sie endlich eingesehen, dass der Neoliberalismus etwas ganz Entscheidendes verdrängt hatte: dass auch der Liberalismus von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht schaffen kann?“

Um so erstaunlicher ist es, dass nun ausgerechnet dort, in der Süddeutschen, Marc Beise Gelegenheit erhält, zu erklären, was Neoliberalismus wirklich ist, nämlich etwas ganz anderes, und wo er herkommt. Passend der Titel: „Das große Missverständnis“. Allerdings: Dass „Neoliberalismus“ künftig „nachhaltig“ richtig gebraucht wird, darf von den Gegnern des inflationär gebrauchten Begriffes „Nachhaltigkeit“, die sehr oft (echte) Neoliberale sind, bezweifelt werden. Beise jedenfalls gibt Nachhilfeunterricht in Sachen Neoliberalismus und verortet diese Denkrichtung, ganz klar und so überraschend, bei den Guten: „Wenn also heute eine Spätjugendliche wie die 28-jährige Vorsitzende der Jungsozialisten, Franziska Drohsel, mal eben so dahin behauptet: ‚Der Neoliberalismus ist am Ende’, wäre das tatsächlich eine erschreckende Erkenntnis, und zwar genau anders herum als gemeint“, schreibt Beise.

Und Beise erklärt auch, woher die schlechte Anhaftung am Neoliberalismus stammt: „Das Missverständnis erklärt sich daher, dass Ende der neunziger Jahre die Globalisierungsgegner den Begriff entdeckt haben und ihn zu einem Schimpfwort für alle machten, die am ehesten dem Markt die Lösung der wirtschaftlichen Probleme zutrauen. Ohnehin ist auffällig, dass das Präfix ‚Neo’ häufig zur Abqualifizierung dient. Was mit Neo beginnt, endet gerne negativ: Neokonservative. Neonazis. Neoplasma.“

Bleibt die Frage, ob Prantl seine eigene Zeitung liest und wie er reagiert: Hantiert er weiter derart fahrlässig mit dem Begriff des Neoliberalismus, kann dies eigentlich nur einen Grund haben: Er benutzt das Wort – wie die Globalisierungsgegner – als Schimpfwort, des wahren Gehalts entleert. Ausdruck genau jener verantwortungslosen Berufsauffassung, die er den Groß-Managern vorwirft.

Ivo Podgrorny

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