Mit Kanonen auf Spatzen schießen

Die meisten von uns haben die Kinder-Überraschung überlebt. Säßen wir doch sonst nicht kopfschüttelnd vor der morgendlichen Zeitung und schüttelten über die neusten Empfehlungen der Kinderkommission des Deutschen Bundestages verwundert den Kopf. Die hatte u.a. Kinderprodukte wie die Kinder-Überraschung jüngst ins Visier genommen, weil mit Spielzeugen kombinierte Nahrungsmittel das Risiko von Unfällen erhöhen würde. Stimmt, möchte man meinen, könnten doch die Kleinen auf die Idee kommen Schokolade und bunte Plastikteile gleichzeitig verspeisen zu wollen. Das muss nicht sein. Doch wie hoch ist eigentlich das tatsächliche Risiko, dass dieses Horrorszenario tatsächlich geschieht?

Die Unfallstatistik der Bundesarbeitsgemeinschaft Mehr Sicherheit für Kinder e.V. versorgt uns mit den nötigen Daten, die die Kinderkommission der Deutschen Bundestages uns vorenthält. Im Jahr 2006 sind von 11,5 Mio. Kindern in Deutschland 48 Kinder erstickt, wobei keine Angaben über eine nähere Ursache der Erstickungsfälle gemacht wurden. Das ergibt eine Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind an einem Fremdkörper erstickt, von 0,00004 %. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass man Kindern unter einem Jahr eher selten eine Kinder-Überraschung in die Hand drückt, zumal auf der Verpackung ein ausdrücklicher Hinweis auf die mangelnde Eignung für Kinder unter drei Jahren zu lesen ist. Bleibt also die Kernzielgruppe der Kinder-Überraschung, die Kinder von einem bis 15 Jahren. In dieser Altersgruppe mit insgesamt 10,9 Mio. Kindern sind im Jahr 2006 ganze 26 an diversen Ursachen erstickt.  Bei aller Tragik der Einzelschicksale bedeutet das eine Erstickungswahrscheinlichkeit von nur noch 0,000024 %. Ob dabei tatsächlich eine Kinder-Überraschung eine Rolle spielte, ist in der Statistik indess nicht auszumachen. Im Vergleich dazu sind im selben Jahr 142 Kinder einem Verkehrsunfall zum Opfer gefallen, 56 Kinder ertrunken, 13 zogen sich tödliche Verbrennungen zu und 25 Kinder stürzten zu Tode.

Mit anderen Worten, das Gesundheitsrisiko der Kinderüberraschung ist nicht nur absolut extrem gering, eigentlich nicht wirklich zu quantifizieren, sondern auch deutlich niedriger als das Risiko tödlicher Unfälle im Straßenverkehr oder beim Baden. Beide Unfallursachen stehen jedoch bezüglich eines Verbots nicht zur Diskussion, allein weil dies beim Wähler auf keinerlei Verständnis stoßen würde. Auch würde niemand auf die Idee kommen das Herumtollen der Kinder in Haus, Hof und Garten zu verbieten, obwohl all dies mit messbaren Risiken für Leib und Leben der Kinder verbunden ist. Schließlich sollte man auch berücksichtigen, dass ein Verbot von Überraschungseiern nicht ohne Nutzenverluste der Konsumenten zu haben ist. Immerhin beläuft sich der Umsatz des Herstellers in Deutschland jährlich in dreistelligen Millionenbeträgen (1997/98: 189,2 Mio. Euro). Das bedeutet für die Verbraucher, deren Nutzen aus einem Ü-Ei mindestens den Preis kompensieren muss, führt ein Verbot zu einem jährlichen Nutzenverlust in dieser Größenordnung, ohne dass das allgemeine Erstickungsrisiko für die Kinder dadurch spürbar reduziert wird. Wie so oft geht die Regulierungswut der Politik an den Problemen und an den Bedürfnissen der Verbraucher meilenweit vorbei. Was bleibt ist die zunehmende Bevormundung der Bürger.

Update: Das von der EU finanzierte Forschungsprojekt susy safe sammelt Daten zu Erstickungsunfällen durch Fremdkörper bei Kindern. Interessant ist hierbei, dass gut die Hälfte (50,4 %) aller Erstickungsunfälle bei Kindern in Europa durch Nahrungsmittelfremdkörper verursacht wird. Daher sollten die von der o.g. Statistik erfassten Erstickungsfälle entsprechend um diesen Anteil nach unten korrigiert werden, um eine ungefähre Vorstellung über das von sonstigen Fremdkörpern ausgehende Risiko zu bekommen.

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