Üble Spekulanten?

Der rapide Anstieg vieler Rohstoffpreise wird sehr gern Spekulanten zur Last gelegt. Was ist dran an diesem Vorwurf?

Schaffen Börsenspekulanten es, die aktuellen Preise mit ihren Marktaktivitäten tatsächlich über das durch fundamentale Faktoren mittelfristig bestimmte Niveau anzuheben? Zunächst nicht so einfach, wie Lieschen Müller sich das im Allgemeinen so vorstellt. Börsenspekulation, die den Preis über das fundamental begründbare Niveau erhöhen, würden einen Keil zwischen Angebot und Nachfrage treiben, der sich in einer erhöhten Lagerhaltung niederschlagen müsste. Hierzu ein Beispiel: Bei einem Preis von 90 $ pro bl ist der Markt bei einer Menge von 85 Mio. Barrel pro Tag ausgeglichen. Würde ein Erwerb von Future-Kontrakten den Spotmarktpreis auf 130$ erhöhen käme es zu einer entsprechenden Reaktion der Marktteilnehmer. Nachfrager reduzieren ihre Nachfrage etwas (sagen wir auf 84,5 Mio. Barrel) und Anbieter erhöhen ihre Produktion leicht (z.B. 85,5 Mio. bl). Aufgrund der spekulativen Nachfrage würde sich demnach jeden Tag ein Angebotsüberhang von 1 Mio. bl Öl ergeben, der sich in einer entsprechenden Lagerhaltung niederschlagen müsste. Auch wenn die Investmentbanken und Hedge-Funds kein physisches Öl handeln, die Wirkung auf den Spotpreis würde reale Transaktionen erfordern. Auf der Grafik ist jedoch keine zunehmende Lagerhaltung der Ölvorräte zu erkennen. Eine direkte Hortung des Öls in Tankanlagen findet also nicht statt.

Dennoch ist eine Beeinflussung der heutigen Rohstoffpreise durch spekulative Geschäfte nicht von der Hand zu weisen. Zu stark reagieren die Spotmarktpreise auf neuerliche Marktinformationen. Handelsaktivitäten, denen Erwartungen über die zukünftige Entwicklung der Fundamentaldaten zugrunde liegen, dienen der Absicherung der Marktteilnehmer gegen die Kostenbelastung von Preisschwankungen. Nachfrager und Anbieter von Rohstoff können erheblich rentabler wirtschaften, wenn sie zumindest mittelfristig mit stabilen Marktdaten rechnen können.

Befürchtet etwa eine Fluggesellschaft einen Preisanstieg im kommenden Sommer und kauft sie Futures für eine Augustlieferung zu einem erwarteten Preis. Steigen die Preise, erhöhen sich zwar die Kosten der Kraftstoffbeschaffung für die Fluggesellschaft, da sie jetzt teureres Kerosin auf dem Markt kaufen muss, aber sie kann diese Kosten durch die Erlöse aus den ebenfalls teurer gewordenen August-Futures kompensieren. Im Prinzip wirkt dieses Geschäft, als würde der Verkäufer das Kerosin zu dem verhandelten günstigeren Preis liefern und der Käufer diese Menge zum aktuellen Marktpreis wieder verkaufen. Die Fluggesellschaft gibt für diese Versicherung den Gewinn auf, den sie bei fallenden Preisen machen würde, da die Futures ihren Wert verlieren.

Ölgesellschaften versuchen sich dagegen gegen einen Preissturz zu versichern indem sie Futures zum erwarteten Preis verkauft. Liegt der tatsächliche Preis dann doch höher, profitieren sie zwar von diesem Preisanstieg müssen aber entweder das Öl zum mit dem Future verhandelten Preis liefern oder den Future wieder zu seinem aktuellen höheren Preis zurück kaufen. Damit haben sie sich gegen einen Preissturz abgesichert, weil sie für das Öl jetzt auf jeden Fall den vereinbarten Preis bekommen, müssen dabei auf den zusätzlichen Erlös aus eventuellen Ölpreissteigerungen verzichten.

Was aber ist die Funktion von institutionellen Spekulanten, die nicht an physischen Öllieferungen interessiert sind? Sie erhöhen schlichtweg die Anzahl der Marktakteure und stellen damit sicher, dass so viele Nachfrager wie möglich Anbieter für ein Absicherungsgeschäft finden, d.h. sie versorgen den Markt mit Liquidität. Da keine Garantie besteht, dass jeder Ölnachfrager einen Anbieter für sein Sicherungsgeschäft findet, würde ein Überhang an Nachfragen zu einer Verteuerung der Futures führen. Hier springen professionelle Spekulanten ein und beliefern die Nachfrager, so dass der Preis für die Futures sinkt. Andere wollen gekaufte Futures wieder verkaufen, um zu vermeiden tatsächliche eine physische Lieferung zu bekommen. Ein institutioneller Anleger findet sich als Handelsmittler, diese Kontrakte zu übernehmen, um sie wiederum weiter zu verkaufen. Sie übernehmen das damit verbundene Risiko, weil sie aufgrund ihrer Expertise davon überzeugt sind, den Markt besser als die jeweils andere Marktseite zu kennen.

Dementsprechend versorgen sie mit ihrem Angebots- und Nachfrageverhalten den Markt mit zusätzlichen Informationen. Gehen Spekulanten von einer Erhöhung der zukünftigen Nachfrage oder Reduzierung des Angebots aus, antizipieren sie also steigende Preise, fragen sie mehr Futures nach, was deren Preis erhöht. Dementsprechend passen die anderen Marktteilnehmer ihr Verhalten an.

Diese Informationen haben natürlich reale Wirkungen, indem sie etwa die Anbieter von Erdöl dazu bewegen ihre aktuelle Lieferungen zu reduzieren, Nachfrager ziehen dagegen ihre Käufe in die Gegenwart vor um den steigenden Preisen zu entgehen. Zukünftige Preiserwartung auf Basis von Marktinformation schlagen sich in den aktuellen Preisen nieder und erlauben den Marktakteuren auch ohne spezifische Marktinformationen eine rechtzeitige Anpassung an die zukünftige Knappheit. Ohne diese zusätzlichen Informationen würden Schocks bzw. Veränderungen der Marktsituation zu wesentlich höheren Friktionen führen. Spekulanten steuern also dem Markt vor allem Informationen bei, die die eigentlichen Rohstoffnachfrager zur Veränderung des Marktverhaltens bewegen.

Was, wenn alle Spekulanten falsch liegen? Was, wenn sie eine Verknappung aufgrund höherer Nachfrage oder eines sinkenden Angebots erwarten, entsprechend am Markt aktiv werden und damit eine Veränderung von Angebot und Nachfrage herbeiführen, die so nicht nötig gewesen wäre? Gehen Spekulanten systematisch von falschen Erwartungen aus, können sich die Preisschwankungen sogar noch vergrößern. Doch Spekulanten müssen öfter richtig als falsch liegen, sonst könnten sie sich aufgrund der hohen Verluste dauerhaft nicht am Markt halten. Anders als der typische Wähler, Zeitungsjournalist oder auch Bürokrat muss der Spekulant seine Fehler in barer Münze bezahlen und wird deshalb das Geschäft aufgeben, wenn er oft genug daneben gelegen hat.

Bei all dem muss man auch im Auge behalten, dass jede Art staatlicher Energiepolitik, die den Bürgern Auflagen zum Umgang mit Energie vorschreibt im Kern eine Spekulation ist. Jede staatlich erzwungene Energiesparmassnahme bedeutet für den Bürger bestenfalls unter sehr restriktiven Annahmen über zukünftige Energiepreisentwicklungen eine tatsächliche Einsparung. Kommt es nicht so, liegen die Bürger mit ihren langfristigen Investitionen in Passivhäuser oder Energiesparlampen daneben und haben entsprechend Geld verschwendet. Ein Verzicht auf derartige „Spekulationen“ ist nur durch Investitionszurückhaltung möglich. Wer im Glashaus sitzt sollte also nicht mit Steinen werfen.

Eine Antwort zu “Üble Spekulanten?

  1. Sehr guter Beitrag!
    Ob ich es noch erleben werde, derartiges mal in einer deutschen Tageszeitung zu lesen?

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