Wer täuscht hier wen?

Bei der tagesschau und den Verbraucherschutzverbänden ist man der Meinung, die Lebensmittelbranche würde den Verbraucher täuschen, weil sie zwar die Endverbraucherpreise kräftig angehoben hätten, dies jedoch nicht durch die Preissteigerungen der landwirtschaftlichen Rohstoffe zu rechtfertigen sei. Wo liegt der Haken in dieser Denke?

Zunächst wird der Preis nicht nur von den Anbietern, sondern auch von Nachfragern gemacht. Sinken die Rohstoffkosten, dürfte sich das unter den Bedingungen einer relativ unelastischen Lebensmittelnachfrage nicht sofort, sondern nur mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung in den Endverbraucherpreisen niederschlagen. Von den Lebensmittelproduzenten weniger Unternehmergeist und Gewinnmotivierung zu fordern als man individuell bei der täglichen Schnäppchenjagd an den Tag legt ist zwar üblich, jedoch moralisch eher von zweifelhafter Natur. Wenn beispielsweise Preissteigerungen beim Bier beklagt werden, dann sollte man auch berücksichtigen, dass sich trotz der höheren Rohstoffpreise der Bierkonsum nur geringfügig reduzierte.

Doch auch das ist nur die halbe Geschichte. Schließlich besteht ein Brötchen nicht nur aus Weizen, sondern erfordert auch den Einsatz anderer Produktionsfaktoren, wie Energie und Arbeit. Desweiteren müssen Anlagen zur Verarbeitung angeschafft und Räume zur Produktion und zum Verkauf angemietet werden, alles Kostenfaktoren, die kurz- bis langfristig Veränderungen unterliegen und ebenfalls preiswirksam werden können. Allein die enorme Steigerung der Energiepreise dürfte nicht spurlos an der häufig sehr energieintensiven Lebensmittelindustrie vorbeigegangen sein. Wer also „ungerechtfertigte“ Gewinne nachweisen möchte, der muss in seiner Argumentation auch sicherstellen, dass sich hier nichts verändert hat oder die Veränderungen zumindest keinen signifikanten Einfluss auf die Preise hatten.

Schließlich ist zu berücksichtigen, dass nicht nur deutsche Konsumenten in Deutschland produzierte Lebensmittel nachfragen. Angesichts des raschen weltweiten Anstiegs der Lebensmittelnachfrage bedienen auch deutsche Produzenten einen weltweiten Markt und können ihr Angebot erst mit einiger zeitlicher Verzögerung vergrößern. Folglich konkurrieren deutsche Verbraucher als Nachfrager mit Lebensmittelkonsumenten aus aller Welt um die knappe Produktion und müssen entsprechend hohe Preise zahlen, die den Anbieter davon überzeugen seine Produktionskapazitäten für die inländische Produktion zu nutzen bzw. seine Lebensmittel auf dem heimischen Markt zu verkaufen. Etwas mehr Bewusstsein der deutschen Verbraucher für ihre Position als eine Gruppe unter vielen weltweiten Konsumenten wäre schon angebracht. Auch den Kollegen von den Verbraucherschutzverbänden würde etwas mehr Realitätssinn gut zu Gesicht stehen.

Schaut man sich letztlich die relative Entwicklung der Lebensmittelpreise im Vergleich zu anderen Konsumgütern an, stellt man zumindest langfristig keine außergewöhnliche Preisentwicklung fest. Nach Angaben des statistischen Bundesamtes sind die Lebensmittelpreise seit 1991 in Deutschland zwar um gut 16% gestiegen, doch die Preise für Mieten, Wasser und Energieträger sind gar um 60% in die Höhe gegangen. Gegenüber dem Anstieg des zwölf Gütergruppen umfassenden Gesamtindex der Lebenshaltung von 37% fallen die Lebensmittelpreissteigerungen eher moderat aus.

2 Antworten zu “Wer täuscht hier wen?

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