Minister für Verschwörungstheorien

Derzeit scheint es in Politikerkreisen einen Wettbewerb um die verwegenste Ausrede für die Folgen der verfehlten Klima- und Energiepolitik zu geben. Nachdem Frau Bundeskanzlerin bereits den nachholenden Hunger in den Schwellenländern als Ursache für die Preisexplosion im Lebensmittelsektor verantwortlich gemacht hat, versucht sich der Landwirtschaftsminister jetzt mit Verschwörungstheorien. Saatgutkonzerne würden das Angebot an Futtermitteln verknappen, um den Bedarf nach genetisch veränderten Saatgut in die Höhe zu treiben:

Seehofer sagte wörtlich: „Die großen Konzerne und Finanzanleger beherrschen die Szene und denen muss man in die Parade fahren. Wir brauchen hier keine industrielle, sondern eine bäuerliche Landwirtschaft.“

Der Minister verwies auf Prognosen, nach denen die Preise für Futtermittel „um 600 Prozent steigen, weil es Futtermittelknappheit gibt. Dahinter steht das Interesse der Konzerne, ihren genveränderten Sojamais zu verkaufen.“

Dabei bedarf es keiner derartig absurden Erklärung für das Phänomen steigender Futtermittelpreise. Wie wäre es mit einer Theorie, die Angebot und Nachfrage nach Flächen für landwirtschaftliche Produkte mit konkurrierender Verwendung klar benennt, kombiniert mit der Wirkung wirtschaftspolitischer Maßnahmen?

Tatsächlich steigt mit zunehmenden Einkommen in Entwicklungs- und Schwellenländern der Fleischkonsum, also auch der Bedarf an Futtermitteln zur Fleischproduktion. Die dafür notwendige Anbaufläche konkurriert aber mit den riesigen Flächen, die derzeit subventionsgetrieben für den Anbau von Biomasse für die Treibstoffherstellung reserviert sind, und ist deshalb knapper als es für niedrige Futtermittelpreise wünschenswert. Zudem lässt sich aus Sojaöl vortrefflich direkt Biodiesel herstellen, der ebenfalls hochsubventioniert in den Motoren von PKWs, LKWs und Bussen der Industrieländer verbrennt. Und nicht zuletzt dürfte sich auch die negative Realzinsen implizierende Niedrigzinspolitik der amerikanischen Notenbank steigernd auf die Nachfrage nach lagerbaren Gütern auswirken, zu denen zweifellos Getreide, aber auch verarbeitetes Pflanzenöl gehören.

Sicher, all das ist komplex und nicht in ein oder zwei Sätzen erklärbar und wenig geeignet dem Volk als klare Ursachenbeschreibung zu dienen. Doch am allerwenigsten kann der Landwirtschaftsminister damit eine weiße Weste bewahren. Dann lieber die Schuld dem schwarzen Peter Unternehmen zuweisen, indem man die instinktive Intuition seiner Schutzbefohlenen schamlos ausnutzt.

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