Instinktiver Irrtum

„Folk Economics“ nennt der Ökonom Paul Rubin das intuitive ökonomische Denken von Mann und Frau auf der Straße, dass sich, statt Gedanken an Effizienzgewinne aus wirtschaftlichen Aktivitäten zu verschwenden, vornehmlich um die Verteilung von vorhandenem Wohlstand dreht. Otto Normalverbraucher interpretiert Preise als Mittel zum Umverteilung von einer Person zu einer anderen, nicht jedoch als Mechanismus zur Allokation knapper Ressourcen in die Produktion der gewünschten Güter und Dienstleistungen. Für sie ist die Menge der am Markt gehandelten Güter fix und unabhängig vom jeweiligen Marktpreis. Vielen meinen wir leben in einer Welt in der Gewinne der einen stets Verluste der anderen sind und in der das primäre Ziel des Einzelnen die eigene Wohlstandsmaximierung ist. Da auch Arbeit zu den gehandelten Gütern gehört, wird die Anzahl von Jobs ebenfalls als unveränderlich angesehen. Jeder neue Job muss daher zwangsläufig die Zerstörung eines anderen Arbeitsplatzes voraussetzen. Es hilft nicht viel, dass ein paar Blicke in ein gutes Ökonomielehrbuch (z.B. David D. Friedman: Der ökonomische Code. Wie wirtschaftliches Denken unser Handeln bestimmt.) den Leser eines Besseren belehren würden.

Für Paul Rubin können uns die Erkenntnisse der Evolutionspsychologie, die Soziobiologie und Psychologie vereint, als Schlüssel für das Rätsel der häufig fundamentalen Unterschiede zwischen dieser „Straßenökonomik“ und informierter ökonomischer Sichtweise geben. Das menschliche Gehirn entwickelte sich im Laufe der Evolution als Instrument zur Lösung von Problemen der Anpassung an unsere natürliche und gesellschaftliche Umwelt, ein langer Zeitraum der Menschheitsentwicklung fernab unserer heutigen modernen Technologien. Die Menschheitsgeschichte und damit auch die mentale Entwicklung der Menschen ist vom Leben in Jäger-Sammler-Gesellschaften geprägt, unser Denken ist bestens an diese Gesellschaftsform angepasst. Adaptiert an das Leben in kleinen mobilen Gruppen, sozial wenig strukturiert, aufgrund der geringen Marktgröße kaum arbeitsteilig organisiert , geprägt durch eine rudimentäre technische Infrastruktur. Folglich waren die Gewinne des gegenseitigen Güter- und Dienstleistungsaustauschs gering. Folglich spielte der intertemporale Austausch von Gütern in Form gegenseitigen Altruismus eine größere Rolle für das Überleben des Einzelnen.

Unter diesen Bedingungen war eine ungleiche Verteilung von Wohlstand viel stärker als heute ein Hinweis auf einen Mangel an Reziprozität und Trittbrettfahrerverhalten einzelner Gesellschaftsmitglieder. Ein aufmerksames Beobachten und eine strenge Bestrafung dieses Verhaltens waren zwingend notwendig für den Einzelnen und den sozialen Zusammenhalt der Gemeinschaft. Eine argwöhnische Kontrolle der wirtschaftlichen Aktivitäten der Mitmenschen und der hieraus resultierenden Verteilungsergebnisse waren lebensnotwendig. Diese Welt strenger Reziprozität könnte der Kern der heute weitverbreiteten ökonomischen Intuition sein. Wenn die Entwicklung des menschlichen Gehirns in diese Entwicklungsphase der menschlichen Gesellschaft fällt, dann liegt es nahe, dass sich ökonomisches Denken an diese Bedingungen angepasst hat.

Doch für die meisten der aktuellen Fragen ökonomischer Aktivitäten in einer globalisierten, extrem arbeitsteiligen Gesellschaft gibt diese Intuition die falschen Antworten. Hierfür gibt eine Vielzahl an Beispielen: So ist das naive Verständnis des internationalen Handels, fokussiert auf kurzfristige Arbeitsplatzeffekte und nicht auf Effizienzgewinne in Produktion und Konsum, kennzeichnend für die aktuelle wirtschaftspolitische Diskussion. Lobbyismus wirtschaftlicher Partikularinteressen und Arbeitnehmervertreter in Branchen, die einer starken Importkonkurrenz ausgesetzt sind, fallen auf fruchtbaren Boden einer Bevölkerung, deren Intuition von einer fixen Anzahl von Arbeitsplätzen ausgeht und nur die unmittelbaren Verteilungseffekte effizienzsteigernder arbeitsteiliger Prozesse wahrnimmt. Hieraus resultierende Forderungen nach Mindestlöhnen und Handelshemmnissen erreichen jedoch gerade das Gegenteil der gewünschten Ergebnisse, sie führen primär zu Einkommenstranfers und in indirekter Folge zu negativen Wachstums- und damit Beschäftigungswirkungen. Ebenso illustrativ ist das Beispiel der einseitigen Fokussierung auf die Umverteilungswirkung von Steuern, ohne der Anreizwirkung auf Arbeitseinsatz und Investition die notwendige Aufmerksamkeit zu schenken. Gleichermaßen dürfte die negative Attitüde gegenüber wirtschaftlichem Erfolg sehr starkt von der landläufigen Interpretation wirtschaftlichen Handelns als Nullsummenspiel beeinflusst sein. War der Wohlstand in der Welt unserer fernen Vorfahren begrenzt und bestand die wesentliche Möglichkeit der Konzentration von Reichtum in mangelnder Bereitschaft zu teilen, dann dürfte sich diese Intuition in mentalen Architektur unseres Denken festgesetzt haben.

Paul Rubin schlussfolgert daher in dem Aufsatz „Folk Economics“:

Die Bedeutung einer Überwindung der mentalen Fehler unserer ökonomischen Intuition ist nicht zu unterschätzen, führen sie doch zu Wählerpräferenzen, die ökonomisch kontraproduktive Politik bevorzugen. Ökonomen wären bessere Lehrer, wenn sie den mentalen Wurzeln des ökonomischen Alltagsdenkens mehr Aufmerksamkeit schenken. Da in ökonomischen Zusammenhängen unzureichend gebildete Menschen die Vorteile von Arbeitsteilung und gegenseitigem Austausch nicht voll verstehen, kann eine Ausbildung in ökonomischem Denken durch eine Erhöhung der Austauschmöglichkeiten den Wohlstand erhöhen…

Leseempfehlungen:

Paul Rubin (2003): Darwinian Politics: The Evolutionary Origin of Freedom (Rutgers Series in Human Evolution)

Bryan Caplan (2007): The Myth of the Rational Voter. Why Democracies Choose Bad Policies

Matt Ridley (1997): Die Biologie der Tugend. Warum es sich lohnt, gut zu sein

David D. Friedman: Economics and Evolutionary Psychology

7 Antworten zu “Instinktiver Irrtum

  1. Ja, die Vorzüge der Ökonomie. Fast 30% reales Wirtschaftswachstum seit 1992 hierzulande, aber die Realnettoeinkommen der Arbeitnehmer sind um ca. 8% gefallen, in den unteren und mittleren Lohnschichten deutlich mehr.

    Dass der Mann von der Straße da immer weniger die Segnungen erkennen will, ist erstaunlich.

  2. Zugegeben ist die Realeinkommensentwicklung nicht besonders hoch gewesen, aber aus den SOEP-Auswertungen des statistischen Bundesamtes lässt sich der von Ihnen genannte Realeinkommensrückgang nicht ablesen (http://tinyurl.com/3rpt75). Zudem fehlen in den meisten Angaben die Einkommen aus Transfers und Vermögen. Auch sind oft keinerlei Korrekturen hinsichtlich der Qualität der konsumierten Güter ableitbar. Mich würde daher die von Ihnen verwendete Datenquelle interessieren.

  3. Ich habe mir vor einiger Zeit einfach mal die Mühe gemacht, die Angaben des statistischen Bundesamtes zu nehmen, und zwar bei den Einkommen gefälligst pro Kopf, nicht pro Haushalt, Bundesland oder Familie. Da gab es dann Wirtschaftswachstum, die Nettolohnentwicklung (ohne Inflationsberücksichtigung) und die Inflationsraten.

    Das lässt sich dann per Hand relativ einfach (aber halt zeitaufwendig) ermitteln. Andere Untersuchungen wiederum haben sich zumindest mal mit der Lohnentwicklung einzelner Gehaltsklassen beschäftigt, und die Spaltung festgestellt, insbesondere die Tatsache, dass die unteren Quintile geradezu in den Keller rauschen.

    Transfers sind, was es Arbeitnehmer betrifft, ebenfalls ganz eindeutig gesunken. Der Leistungskatalog der Krankenkassen wurde massiv zusammengestrichen, die Rendite der Rentenbeiträge ist mittlerweile noch stärker in den roten Zahlen also vorher, u.v.a.m.

    Das ist alles für einen „Normalo“ nicht sehr einfach zu ermitteln, die Zahlen machen teilweise den Eindruck absichtlich ziemlich verhuscht versteckt worden zu sein, viele Sachen werden absichtlich auf Haushalte umgelegt, und nicht auf Einzelpersonen, aber das sich abzeichnende Bild der letzten 15 Jahre ist dennoch ziemlich eindeutig und ziemlich gruselig.

    Was habe ich vergessen? Ach ja, Transfers aus Vermögen. Ja, drastisch gestiegen. Die unteren 60% haben aber so gut wie kein nennenswertes Vermögen. Übrigens, es ist kein Zufall, dass das statistische Bundesamt sich sehr, sehr gerne die Haushalte anschaut. Da scheint es nämlich noch Dämpfungseffekte zu geben (teilweise werden sie einfach konstruiert), die das Gesamtergebnis deutlich besser darstellen, als es die Realität eigentlich hergäbe.

  4. Das werde ich bei Gelegenheit mal nachrechnen. Was allerdings hat diese Entwicklung mit dem oben erörterten Problem zu tun. Selbst wenn die Einkommensentwicklung in diese Richtung gehen würde, läge das nicht an der internationalen Arbeitsteilung, sondern bestenfalls an der miserablen Anpassung der deutschen Wirtschaftspolitik an diesen Prozess. Womit sich der Kreis dann wieder schließen dürfte.

    Es wäre schön, wenn du mir deine Berechnungen zur Verfügung stellen könntest bzw. die von dir genannten Studien nennen könntest. So wäre ich in der Lage das Gesagte rasch zu überprüfen und im Zweifel sogar zu bestätigen.

  5. Grumpf. Ich werde es versuchen. Eigentlich sind es drei simple Statistiken, aber die Seiten des StaBu sind eine absolut ekelhafte Pest.

    Und nun ja, ganz offen gesagt ist das Problem, welches ich mit solchen Aussagen wie „es liegt an der miesen Anpassung“ habe, eben darin, dass ca. 30% Realwachstum vielleicht nicht ganz so viel sind, wie man hätte rausholen können, dies aber eine verdammt miese Begründung darstellt, wieso die Reallöhne zugleich gesunken sind.

    Wie dem auch sei, diese Diskrepanzen werden Folgen haben. Vielleicht ist der größte Fehler bei der „Der Markt regelt alles“-Ideologie, dass der menschliche Faktor vernachlässigt wird. In Demokratien führt so etwas auf Dauer zu Konsequenzen.

  6. Güter und Dienstleistungen, die ja den Wohlstand ausmachen, werden nun einmal auf Märkten produziert und zwar umso mehr, je reibungsloser diese funktionieren. Das Verteilungsergebnis allerdings hat sehr viel mit der relativen Knappheit der Produktionsfaktoren (also auch Arbeit) und Marktmacht zu tun. Genau diesbezüglich hapert es aber der deutschen Wirtschaftspolitik. Sie versucht Umverteilung per Regulation über den Markt zu regeln und wundert sich, dass sich die Märkte dem in ungewollter Weise anpassen und weniger Wachstum produzieren. Ich denke über vulgärkeynsianische Erklärungsansätzen zu geringer Binnennachfrage als Wachstumshemmnis müssen wir hier nicht diskutieren.

    Vielen Dank schon vorab über die Mühe mit den Daten zur Entwicklung der Realeinkommen. Aber das hilft auch die Diskussion auf einer substantiellen Basis zu halten.

  7. Pingback: Minister für Verschwörungstheorien « iuf - freie menschen, freie märkte

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