Ein Bildungs-, kein Steuerskandal

Ivo Podgorny

„Deutschland steht vor einem Steuerskandal von historischen Ausmaßen“, schreibt Spiegel-Online: „Hunderte Prominente sollen über Liechtenstein Millionen am deutschen Fiskus vorbeigeschleust haben.“ Im Gefolge der Durchsuchung bei Post-Chef Zumwinkel wird nun zur Jagd geblasen – im Visier: „Prominente und Reiche“.

Den Artikel begleitet ein Leserforum mit dem Titel „Steuerflüchtlinge härter bekämpfen?“, der als Frage stellt, was die Linke (und nicht nur sie) schon lange fordert. Kaum oder besser leicht vorzustellen, was sich ein Spiegel-Redakteur von den Kollegen hätte anhören müssen, wenn er zu Lösung des Problems der Steuerflucht ein Forum über ein einfaches und (auch deshalb) gerechtes Steuersystem angeregt hätte, das den Anreiz zur Steuerflucht senkt. Denn um die Problemlösung geht es nicht, sondern darum, genüsslich mit dem Finger auf andere zu zeigen, auf den bösen Onkel, um der gute Onkel zu sein. Ebenso leicht kann man sich vorstellen, wie viel Prozent der Spiegel-Redakteure und Forums-Teilnehmer ihrem Steuerberater wegen seiner interessanten „Liechtenstein-Variante“ voller Dank zu Füßen liegen würden, wenn sie nur genug Einkommen erzielt hätten, um von dieser Variante zu profitieren: Nahezu alle.

So bleibt am Ende Rückenwind für die Linke, die in Hamburger unglaubliche Forderungen mit ein paar zusätzlichen Steuerprüfern finanzieren will und Gelächter für Politiker, die für ein effektives Steuerrecht argumentieren. Und die Erkenntnis: In Sachen Marktwirtschaft gibt es in der Bevölkerung ein massives Bildungsproblem und bei der marktwirtschaftlich orientierten Politik ein massives Kommunikationsproblem. Leider ist diese Erkenntnis alles andere als neu.

4 Antworten zu “Ein Bildungs-, kein Steuerskandal

  1. Zustimmung! Ergänzend noch zwei Hinweise:
    1. Gekonnt nüchtern und dennoch mit drastischer Perspektive die NZZ: http://www.nzz.ch/nachrichten/wirtschaft/aktuell/deutscher_angriff_auf_steuerhinterzieher_1.673091.html
    2. Griffig bei FOP: http://www.forum-ordnungspolitik.de/content/view/386/54/
    Gruß MvP

  2. Pingback: Wenn heute die Steuerfahndung klingelt… - geldpro.de

  3. Die Verlogenheit der Empörten ist es, die mich wütend macht und nicht die rationale Handelsweise der Steuervermeider.

    Obwohl es mir indirekt auch schadet, wenn jemand Steuern hinterzieht. Verständnis habe ich. Sollte nicht jeder Steuerbetrüger grundsätzlich als Heiliger betrachtet werden? Wie schön wäre es, wenn der Staat deutlich weniger Umverteilungsmasse hätte. Wir haben kein Einnahmen- sondern ein Ausgabenproblem. Die Umverteilungsapologeten lernen es einfach nicht anders. Wir brauchen, so böse es klingt, noch mehr solcher Beispiele. Warum macht sich kaum einer Gedanken, aus welchen Gründen mit den Füßen und Kapitalanlagezielen abgestimmt wird?

    Ja, es kann einen wirklich neidisch machen, was einige wenige (es ist ja nur ein in absoluter Höhe spektakulärer aufgebauschter Fall und kein Massenphänomen) exzellente Leistungsträger für Möglichkeiten haben. Für einen gewöhnlichen abhängig Beschäftigten gibt es eben kaum Möglichkeiten. Und nun setzt in diesem Fall die Häme ein. Wieder eine neue Manager- und Unternehmerschelte! Klar ist, dass es nun noch weniger Leute nach Deutschland ziehen oder hier halten wird.

    Und es ist wieder ein schönes Ablenkungsmanöver: Haben die, die jetzt lauthals schreien, Politik und Gewerkschaften wirklich einen Grund mit dem Finger auf andere zu zeigen? Gibt und gab es aus den Bereichen nicht genug Negativbeispiele? Ich bin überzeugt, dass Politik und Gewerkschaften viel mehr Geld fragwürdig verbraten als die Höhe der Steuerausfälle einiger sehr Vermögender.

    Und woher kommt das dumme Gequatsche von der moralischen Verantwortung der Manager oder Unternehmer? Politik und Gewerkschaften haben die Moral in den letzten Jahrzehnten sicher genug ruiniert.

    Und zur Selbstgerechtigkeit der Diskussion: Wer nimmt sich hier an wem ein Beispiel? Sehen wir uns mal das tägliche Leben an, wenn wir schon von Moral fabulieren. Ist nicht jeder von uns ein Betrüger? Hin und wieder bekommt man es doch mit:
    – Falschangaben bei Werbungskosten (sehr weites Feld!) in der Est.-Erklärung,
    – „Schummeln“ bei Versicherungsschäden,
    – die Wohnung wird „schwarz“ renoviert,
    – Nichtaufmerksammachen, wenn eine Kassiererin zuviel Geld herausgegeben hat,
    – privat genutzte Zeit am Arbeitsplatz,
    – dauerhaft „ausgeliehene“ Geräte und Werkstoffe vom Arbeitsplatz,
    – Entgegennahme von Geschenken von Kunden oder Lieferanten,
    – Verheimlichen einer Wiederheirat bei Unterhaltszahlungen,
    – gelegentliches Schwarzfahren,
    – Heizöl im Autodieseltank,
    – und, und, und …
    Sicher: kein Vergleich zur absoluten Höhe im Vergleich mit den spektakulären Fällen. Aber eben nur, weil die Möglichkeit fehlt. Tja, muss man da nicht neidisch sein?

    Runter mit den Staatsausgaben – machen wir Deutschland zum Steuerparadies!

  4. Würde die Gutmenschenfraktion ihrer “Täterschutz statt Opferschutz”-Linie treu bleiben, müsste sie darauf eingehen ob nicht gerade das komplizierte und zum Steuersozialismus tendierende deutsche Steuersystem Anreize schafft sein Vermögen an Fiskus vorbei zuschleusen.

    http://www.neusprech-online.blogspot.com/

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