Von Selbsterfahrung und Selbstherrschaft

Unser Schulsystem steigert immer mehr unser Wissen über technische Dinge, aber wenig das Wissen über uns selbst. Besonders wenig erfahren wir über Selbst-Bestimmung, Selbst-Genuss und Selbst-Herrschaft. Das „Selbst“ oder „Ich“ wird immer nur negativ beschrieben. Sei nicht egoistisch, lebe für Andere, sei Deinen Eltern dankbar und andere kollektivistische und religiöse Floskeln, die uns einreden, dass individueller Genuss ungerecht und böse ist.

Eigenartigerweise wird von den gleichen Menschen der Werterelativismus und Werteverfall sowie mangelnder Charakter bei den Anderen beklagt. Es fällt natürlich auf, dass sie immer nur von Anderen sprechen, obwohl sie selbst über sich nur wenig wissen. Wenn sie mehr Disziplin einfordern, reden sie natürlich von der Disziplin der Anderen, also Fremddisziplin. Sie scheinen nicht auf die Idee zu kommen, dass gerade der geforderte Charakter, die eigenen Werte das Gegenteil ihrer sonstigen Forderungen nach Gleichheit Unterordnung und Anpassung bedeuten. Wer achtsame und sozial agierende Menschen will, braucht Stärke, Selbstbestimmung, Selbstgenügsamkeit und Eigenverantwortung. Das Gegenteil, also was die Institutionen (Kirche, Staat, Gewerkschaften etc.), hinter denen sie sich verstecken, fordern und fördern. Sozial, das heißt für Andere nützlich und wertvoll ist nur der Leistungsträger, der dem Anderen Freitauschgewinn erst ermöglicht. All diejenigen Menschen, die die Begriffe sozial und Gleichheit vor sich hertragen, sind weder sozial, da sie keine gewünschte Leistung bringen, noch gleich, da sie immer auf Kosten Anderer leben wollen. Der selbst beherrschte, selbstgenügsame Mensch ist ihr größter Gegner. Er lässt sich nicht durch Geschenke abhängig machen und lässt sich nur schwer verdummen und bestehlen.

Dass unser Wachstum an Wissen und an Selbst-Herrschaft immer weiter auseinanderklafft, ist allein ein Ergebnis der Institutionen, natürlich ihrer Vertreter, denn die Vermittlung von Fachwissen erschien immer viel ungefährlicher als die Vermittlung von Selbst-Wissen. Des Weiteren ist Wissen auswendig zu lernen und in Prüfungen abzuspulen weit aus einfacher, als sich selbst zu erforschen und sich auf Augenhöhe mit der eigenen Begrenztheit und Unvollkommenheit zu begeben. Die etwas Mutigeren fangen an, Dinge zu produzieren und sie als Frei-Tausch an den Markt zu bringen. Aber auch sie produzieren zwar schon viel mehr Genuss als die armseligen Zwangs-Tauscher, verzichten aber auf ungeahnte Genussmöglichkeiten, weil sie sich den Unterschied zwischen Genuss und Genuss-Mittel nicht ausreichend verdeutlichen.

Die Genussforschung aus wirtschaftlicher Sicht ist mehr als gering in unserem Land. Das Wissen darüber, wie ich Genuss produziere, was ich auch nur für mich allein kann, ist mehr als gering. Die Angst zu reflektieren, d. h. in sich hineinzuschauen, ist durch die Religion planmäßig geschürt. Stell´ Dir vor, Du schaust in Dich hinein und findest nichts, oder nur das kleine Arschloch, das häufig allein Dein Fühlen, Denken und Handeln zu bestimmen scheint. Risiko, überall Risiko, wenn ich neue Gebiete betrete, egal, ob in der Außenwelt oder in der Innenwelt. Nur ohne Neugierde kein Wissen über meine Schwächen, damit keine bewusste Steigerung meiner Selbst-Herrschaft. Dabei sind Wissen und Selbst-Herrschaft die wichtigsten Faktoren für meinen Genuss, für meine Lebenskunst. Wobei Wissen das einfacher zu Erlangende ist, aber ohne Selbst-Herrschaft häufig zu Selbst- und Fremdschädigung führt. Öfter mal innehalten, sich von der Masse, dem Kollektiv und der Familie bewusst entfernen, um zu schauen, was dann von mir noch übrig ist. Ist offensichtlich nichts mehr übrig, sich auf die Suche machen nach sich selbst und nicht aufhören, weil das erhoffte glorreiche Ich nicht zu finden ist. Es muss aufgebaut werden auf das kleine Ich, das nur eines sicher, ziemlich sicher weiß: Ich denke, also bin Ich. Oder materiell betrachtet: Ich habe Körper, Gehirn etc., also bin Ich (Eigentümer).

Wohlgemerkt, dies ist das für mich sicherste Wissen, alles andere Fühlen, Denken und Handeln basiert auf viel mehr Unsicherheit. Aber gerade meine Dummheit und Unbeherrschtheit ermöglichen mir als begrenztes und nicht perfektes Wesen, meinen Lebensgenuss erheblich zu steigern. Ich liebe meine Begrenztheit, ohne sie wäre Lernen und Üben nicht so unglaublich Genuss steigernd. Ich bin genusssüchtig, die einzige Sucht, die durch Einsatz von Verstand und Vernunft gefördert wird.

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