Wohlstand neu verteilt?

Ein Kommentar in der Süddeutschen Zeitung vom Wochenende porträtiert die Globalisierung als Nullsummenspiel und fehlinterpretiert nachfragegetriebene Energiepreiserhöhungen als Wohlstandsumverteilung zwischen Volkswirtschaften. Hier nur ein paar Beispiele für diese holprige Argumentation:
Dazu trägt eine massive Umverteilung von Wohlstand auf dem Globus bei, die ihren Grund in den drastisch steigenden Öl- und Rohstoffpreisen hat. Deutschland muss immer mehr Geld ins Ausland überweisen, um seine Exportwirtschaft in Gang zu halten. Kaum ein Tag vergeht ohne eine Nachricht, wonach die rasant steigende globale Nachfrage nach Rohöl, Kupfer, Stahl oder Lebensmitteln die Weltmarktpreise für diese Produkte in die Höhe treibt. China, Indien oder Brasilien, aber auch Öl- und Gaslieferländer wie Russland machen uns jeden Tag deutlich, dass sie Ansprüche auf Reichtum anmelden und dass die etablierten Industrienationen ihren Wohlstand mit ihnen werden teilen müssen.
Nun, das wirtschaftliche Wachstum in der Vergangenheit dürfte gezeigt haben, dass wir es bei der Weltwirtschaft nicht mit einem fertig gebackenen Güterkuchen zu tun haben, der einfach umverteilt wird. Nein, der Kuchen wächst, weil die Wirtschaft immer neue Wege findet aus den bestehenden Ressourcen nutzbare Güter herzustellen. Wenn Länder wie China die Öl- und Gaspreise hochtreiben, heißt das nichts anderes, als dass sie mit den Energieträgern eine Menge nützliche Produkte herstellen können, die wir ihnen offenbar dankbar abkaufen. Den Reichtum bekommen sie nur, weil sie mit uns tauschen und wir – das liegt in der Natur des Tauschs – deshalb auch reicher werden.
Da auch Gas und andere Rohstoffe drastisch teurer werden, verlieren die Volkswirtschaften der westlichen Welt jedes Jahr namhafte Beträge, die an anderen Stellen der Welt zu gigantischem Reichtum führen.
Dass die westlichen Volkswirtschaften die hohen Energiepreise zahlen, drückt doch letztlich nur aus, wie wertvoll die damit von ihnen produzierten Güter sind. Sonst würde man ganz auf ihren Erwerb verzichten. Auch fragt man sich, wo das Problem des gigantischen Reichtums an anderen Stellen der Welt liegen soll. Bekanntlich erhalten die Verkäufer von Öl, Gas und anderen Rohstoffen von uns Zahlungsmittel, die sie letztendlich bei uns auch wieder in Güterkäufen und Kapital anlegen. Doch auch das lehrt dem Autoren das Fürchten:
Inzwischen werden die Öl- und Rohstoffdollars besser verwendet. Sie werden in der ganzen Welt investiert und kehren als Beteiligungen reicher Regierungen oder aufstrebender Unternehmen aus Schwellenländern in die alten Wirtschaftsnationen zurück, wo sie sich in Industrieunternehmen oder Banken einkaufen. Das geschieht auch in Deutschland, wo es große Angst vor diesen ausländischen Investoren gibt. Die Entwicklung ist aber kaum aufzuhalten, auch nicht mit den Mitteln der Politik. Deutschland ist auf Importe von Energie und Rohstoffen angewiesen und wird es noch lange bleiben. Der Preis, der dafür zu entrichten ist, die deutsche Exportwirtschaft in Gang zu halten und Arbeitsplätze zu sichern, ist aber hoch.
Worauf er dem Chefvolkswirt der Deutschen Bank Norbert Walter auch noch das eigentümliche Zitat zuschreibt, dass durch Direktinvestitionen in Deutschland „europäischer Humanismus und Sozialstaatlichkeit in höchster Gefahr sind“. Einen derartigen hanebüchenen Unsinn aus dem Mund eines Bankenvolkswirts kann man eigentlich kaum glauben, zumal vom Textautor keine Quelle genannt wird.
Es ist schon erstaunlich, wie es Wirtschaftsjournalisten mit einem derartigen Kauderwelsch zu Meinungsmachern bringen. Manchmal fragt man sich auch, wieso sich der Wirtschaftsteil einer Tageszeitung so leicht mit ein paar Fachfloskeln, etwas ökonomischer Begriffsstutzigkeit und einer Prise Ideologie füllen lässt.

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