Archiv der Kategorie: Gesundheitspolitik

Ein schwarzer Tag für die Patienten

Der EuGH hält das deutsche Apothekengesetz für zulässig und hat damit dem Wettbewerb im Einzelhandel für Pharmazeutika einen Riegel vorgeschoben. Auch in Zukunft wird es wohl in Deutschland keine Apothekenketten geben, die mit günstigen Preisen und gutem Kundenservice in Konkurrenz zu den klassischen Apotheken hätten treten können. Ein weiteres mal zeigt die EU, dass ihr die Interessen der Unternehmen wichtiger als die Souveränität der Konsumenten ist. Allein die Tatsache, dass man bereits heute völlig ohne Beratungsleistung Medikamente im Internet bestellen kann, widerlegt das Argument, Apothekenketten könnten die Sicherheit der Versorgung der Patienten gefährden. Das sich die SPD-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt hier auf die Seite des verknöcherten Systems deutscher Apotheken stellt, belegt einmal mehr, dass das sozialdemokratische Bekenntnis für die Interessen der “kleinen Leute” nicht das Papier wert ist, auf dem es geschrieben steht.

Der Sozialismus aus dem Westen

Statt sich vom nahe gelegenen Singapur ein paar Tipps in Sachen effizientes und wirksames Gesundheitswesen zu holen, geht China westlichen Beratern auf den Leim und lässt sich ein Gesundheitssystem aufschwatzen, dass nicht nur einmal bewiesen hat, dass mäßige Qualität sehr teuer sein kann.

Wir brauchen einen Neger…

…oder wie eine Gruppe deutscher Parlamentarier auf Steuerzahlerkosten im sonnigen Kalifornien Urlaub macht.

IUF-Podcast

In Zukunft veröffentlicht das IUF in Zusammenarbeit mit den Freunden der offenen Gesellschaft ausgewählte Beiträge auch als Podcast. Heute spricht Daniel Fallenstein “Mit Kanonen auf Spatzen schießen?”


Wenn das mal nicht daneben geht

Tilidin gilt laut Spiegel Online als Modedroge. Deshalb steht der Wirkstoff, wirksamer Bestandteil des starken Schmerzmittels Valoron N, jetzt auf der Abschussliste der Berliner Justizsenatorin. Das bedeutet, sie will diesen Wirkstoff dem Betäubungsmittelgesetz unterwerfen und damit dessen Verfügbarkeit erschweren. In Zukunft soll man Medikamente deren wirksamer Bestandteil Tilidin ist, nur noch mit einem durchnummerierten, mehrfarbig auf speziellem Papier gedruckten und somit schwer zu fälschendem BTM-Rezept bekommen. Wird das Problem damit gelöst?

Wohl kaum, ist doch bekannt, dass der Wirkstoff Tilidin nicht nur in Form von Präparaten wie Valoron N, dass aufgrund des eingebauten Morphinantagonisten Naxolon nur eine relativ kurze kontrollierte Wirksamkeit besitzt, sondern auch auf illegalem Wege als reiner Wirkstoff aus Osteuropa beschafft werden kann. Somit ist zu erwarten, dass ein erschwerter Zugang zu Präparaten aus der Apotheke zu einer Substitution durch nicht wirkungsreduzierte Substitute über illegale Importe erfolgt. Neben der stärkeren Wirkung mit unangenehmeren Nebeneffekten dürfte das auch eine Zunahme an Drogenkriminalität nach sich ziehen. Wie so oft verursacht die vermeintliche Lösung eines Problems ein weiteres Problem.

Lesetipp: Jeffrey A. Miron (2004): Drug War Crimes: The Consequences of Prohibition

Mit Kanonen auf Spatzen schießen

Die meisten von uns haben die Kinder-Überraschung überlebt. Säßen wir doch sonst nicht kopfschüttelnd vor der morgendlichen Zeitung und schüttelten über die neusten Empfehlungen der Kinderkommission des Deutschen Bundestages verwundert den Kopf. Die hatte u.a. Kinderprodukte wie die Kinder-Überraschung jüngst ins Visier genommen, weil mit Spielzeugen kombinierte Nahrungsmittel das Risiko von Unfällen erhöhen würde. Stimmt, möchte man meinen, könnten doch die Kleinen auf die Idee kommen Schokolade und bunte Plastikteile gleichzeitig verspeisen zu wollen. Das muss nicht sein. Doch wie hoch ist eigentlich das tatsächliche Risiko, dass dieses Horrorszenario tatsächlich geschieht?

Die Unfallstatistik der Bundesarbeitsgemeinschaft Mehr Sicherheit für Kinder e.V. versorgt uns mit den nötigen Daten, die die Kinderkommission der Deutschen Bundestages uns vorenthält. Im Jahr 2006 sind von 11,5 Mio. Kindern in Deutschland 48 Kinder erstickt, wobei keine Angaben über eine nähere Ursache der Erstickungsfälle gemacht wurden. Das ergibt eine Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind an einem Fremdkörper erstickt, von 0,00004 %. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass man Kindern unter einem Jahr eher selten eine Kinder-Überraschung in die Hand drückt, zumal auf der Verpackung ein ausdrücklicher Hinweis auf die mangelnde Eignung für Kinder unter drei Jahren zu lesen ist. Bleibt also die Kernzielgruppe der Kinder-Überraschung, die Kinder von einem bis 15 Jahren. In dieser Altersgruppe mit insgesamt 10,9 Mio. Kindern sind im Jahr 2006 ganze 26 an diversen Ursachen erstickt.  Bei aller Tragik der Einzelschicksale bedeutet das eine Erstickungswahrscheinlichkeit von nur noch 0,000024 %. Ob dabei tatsächlich eine Kinder-Überraschung eine Rolle spielte, ist in der Statistik indess nicht auszumachen. Im Vergleich dazu sind im selben Jahr 142 Kinder einem Verkehrsunfall zum Opfer gefallen, 56 Kinder ertrunken, 13 zogen sich tödliche Verbrennungen zu und 25 Kinder stürzten zu Tode.

Mit anderen Worten, das Gesundheitsrisiko der Kinderüberraschung ist nicht nur absolut extrem gering, eigentlich nicht wirklich zu quantifizieren, sondern auch deutlich niedriger als das Risiko tödlicher Unfälle im Straßenverkehr oder beim Baden. Beide Unfallursachen stehen jedoch bezüglich eines Verbots nicht zur Diskussion, allein weil dies beim Wähler auf keinerlei Verständnis stoßen würde. Auch würde niemand auf die Idee kommen das Herumtollen der Kinder in Haus, Hof und Garten zu verbieten, obwohl all dies mit messbaren Risiken für Leib und Leben der Kinder verbunden ist. Schließlich sollte man auch berücksichtigen, dass ein Verbot von Überraschungseiern nicht ohne Nutzenverluste der Konsumenten zu haben ist. Immerhin beläuft sich der Umsatz des Herstellers in Deutschland jährlich in dreistelligen Millionenbeträgen (1997/98: 189,2 Mio. Euro). Das bedeutet für die Verbraucher, deren Nutzen aus einem Ü-Ei mindestens den Preis kompensieren muss, führt ein Verbot zu einem jährlichen Nutzenverlust in dieser Größenordnung, ohne dass das allgemeine Erstickungsrisiko für die Kinder dadurch spürbar reduziert wird. Wie so oft geht die Regulierungswut der Politik an den Problemen und an den Bedürfnissen der Verbraucher meilenweit vorbei. Was bleibt ist die zunehmende Bevormundung der Bürger.

Update: Das von der EU finanzierte Forschungsprojekt susy safe sammelt Daten zu Erstickungsunfällen durch Fremdkörper bei Kindern. Interessant ist hierbei, dass gut die Hälfte (50,4 %) aller Erstickungsunfälle bei Kindern in Europa durch Nahrungsmittelfremdkörper verursacht wird. Daher sollten die von der o.g. Statistik erfassten Erstickungsfälle entsprechend um diesen Anteil nach unten korrigiert werden, um eine ungefähre Vorstellung über das von sonstigen Fremdkörpern ausgehende Risiko zu bekommen.

Auch als Podcast:


Ein Danaer-Geschenk – nicht nur für Deutschlands Raucher

Ivo Podgorny

Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zu verschiedenen Nichtraucherschutzgesetzen verschafft manchen Eckkneipenbesitzern und Diskothekenbetreibern in ihrer Existenznot Luft. Wer aber grundsätzlich auf eine Beschränkung staatlicher Gewalt in privaten Räumen – und das sind gastronomische Einrichtungen – gehofft hatte, der kann nur enttäuscht sein. Denn ausdrücklich behält es das BVerfG dem Gesetzgeber vor, zum Schutz vor den Gefahren des Passivrauchens ein Rauchverbot zu erlassen, das noch deutlich radikaler ausfällt, das sogar die gesamte Gastronomie ohne jede Ausnahme erfasst. Angesichts der Vehemenz, mit der diejenigen Politiker, die Rauchverbote eingeführt haben, vorgegangen sind, erscheint diese Lösung wahrscheinlicher zu sein als ein Zurückstutzen der Regeln in einer Art und Weise, die die Frage des Nichtraucherschutzes wieder mehr den Bürgern und Wirten selbst überantwortet. Weiterlesen

Parlamentarische Besserwisserei

Auf den vorsichtigen Hinweis des Statistischen Bundesamtes, das Rauchverbot könne vor allem bei der getränkegeprägten Gastronomie zu spürbaren Umsatzrückgängen geführt haben, reagiert ein SPD-Bundestagsabgeordneter mit klugen Ratschlägen an Kneipenbesitzer und rät ihnen in der Frankfurter Rundschau, man könne den Nichtraucherschutz auch “positiv vermarkten, als Standortvorteil nutzen”. Nun, wenn das so einfach wäre, dann hätte man sich das Rauchverbot sparen können. Schließlich hätte der offenbar zunehmende Wunsch nach Rauchfreiheit die Nichtraucherkneipen auch ohne gesetzliche Regelung wie Pilze aus dem Boden schießen lassen. Es reicht schon, dass den Bürgern dieses Landes stückweise die Freiheiten als Verbraucher und Gewerbetreibende geraubt wird, sie müssen sich nicht auch noch von ihren Volksvertretern verhöhnen lassen.

Hat der Rauch sich schon verzogen?

Nicht ganz, und das ist gut so. Trotz des Rauchverbots in Restaurants und Kneipen scheint der zivile Ungehorsam in dieser Angelegenheit ungebrochen. Es zeigt sich, dass Nichtraucher und Raucher nach wie vor in der Lage sind ohne oder besser trotz staatlicher Reglementierung konfliktträchtige Situationen im öffentlichen Leben von ganz allein kooperativ zu lösen.

Passend zu diesem Thema ist in der aktuellen Ausgabe von Econ Journal Watch ein interessanter Aufsatz zur Genese und zum intellektuellen Umfeld der wissenschaftlichen Begleitforschung zum Rauchverbot abgedruckt. Michael L. Marlow, Ökonomie-Professor an der California Polytechnic State University in San Luis Obispo, beschreibt in “Honestly, Who Else Would Fund Such Research? Reflections of a Non-Smoking Scholar” wie schwer es für Wissenschaftler geworden ist, auf dem Feld der Nutzen-Kosten-Analyse von Rauchverboten unvoreingenommene und den Regeln wissenschaftlicher Arbeit verpflichtete Forschung durchführen und veröffentlichen zu können. Neben einer entlarvenden Nabelschau der Forschungslandschaft, in der Forschungsergebnisse weniger nach ihrer Methodik, logischen Konsistenz und empirischen Gehalt, sondern eher danach bewertet werden, von wem sie finanziert und ob sie zum “richtigen”, eine Regulierung stützenden Ergebnis gekommen sind, präsentiert er einige Ergebnisse seiner empirischen Forschung im Kontext von Rauchverboten:

  • Umfrageergebnisse in den USA zeigen, dass Restaurantbetreiber auch ohne gesetzliches Rauchverbot Nichtraucherrestaurants einrichten oder für rauchfreie Zonen sorgen. Fast ein Viertel aller befragten Wirte reserviert mindestens drei viertel der Plätze für Nichtraucher.
  • Wirte mit einem geringeren Anteil rauchender Gäste sorgen für einen besseren Nichtraucherschutz (mehr Nichtraucherplätze, bessere Entlüftung u.a.).
  • Wirte mit einem höheren Raucheranteil unter den Gästen erwarten durch Rauchverbote höhere Verluste als Wirte deren Gäste zum überwiegenden Teil Nichtraucher sind.
  • Wirte passen Preise, Löhne, Öffnungszeiten und andere Geschäftstätigkeiten an die Einführung von Rauchverboten an, was mit Konsequenzen für Angestellte und Gäste verbunden ist.
  • Rauchverbote unterliegen selten einer strengen Kontrolle. So hielten sich 10% aller kalifornischen Bars im Jahr 2001 nicht an das Rauchverbot und 2003 kamen in Los Angeles ganze 24% den Auflagen nicht nach.
  • Kneipen und Bars erleiden mehr Schaden als Speiserestaurants, weshalb auch relativ wenige Kneipen und Bars freiwillig dem Rauchverbot nachkommen bzw. eine Raucherzone einrichten. 92% der Kneipenbesitzer erlaubten das Rauchen. Kneipen klagen doppelt so häufig über wirtschaftliche Nachteile durch ein Rauchverbot.
  • Da Rauchverbote vor allem in Regionen eingeführt werden in denen ohnehin weniger Raucher leben ist davon auszugehen, dass die Schäden dort geringer ausfallen als in Gegenden in denen mehr Raucher leben. Die Wahrscheinlichkeit der Einführung eines Rauchverbots steigt mit dem Anteil der nichtrauchenden Bevölkerung, so dass Rauchverbote zumeist dort eingeführt werden, wo auf Seiten der Gastronomie bereits freiwillige Vorkehrungen für den Nichtraucherschutz in der Umsetzung waren (Raucherzonen, Be- und Entlüftung etc.).

Marlows Schilderungen belegen erneut, dass es den Verantwortlichen hinter der Raucherregulierung und den in diesem Prozess aktiven Interessengruppen weniger um eine ausgewogene Bewertung der Situation und auch nicht zwangsläufig um die Suche nach einer wirksamen Lösung der mit dem Rauchen verbundenen Gesundheitsprobleme geht. So zeigt sich, dass Rauchverbote nicht immer und überall zu einer Reduzierung des Tabakkonsums, sondern teilweise sogar zur Wahl von Tabakwaren mit höherem Nikotingehalt führen, Erkenntnisse, die in eine staatliche Regulierung stützenden Studien systematisch ausgeblendet werden.

Letztlich scheint hinter der staatlichen Intervention ein Misstrauen in die Fähigkeit von Individuen und Unternehmen zur Suche nach zufrieden stellenden Marktlösungen, ein Misstrauen gegenüber dem verantwortlichen Handeln von Menschen, letztlich ein Misstrauen gegenüber individueller Freiheit zu stehen. Insofern ist das Brenzlige an diesem Thema weniger der erbittert geführte Kampf gegen den gesundheitsschädigenden Tabakkonsum, es ist die schleichende Erosion unserer Freiheit.

Experten in der Armutsfalle

“Gesundheitsexperten” werden nicht Müde moderne Zivilisationskrankheiten auf Armut zurückzuführen. Jedenfalls lautet auch heute wieder ein Aufmacher im Ärzteblatt: “Armut als Schlaganfallrisiko”, gefolgt von “Wohlstand schützt vor Schlaganfällen im jüngeren Lebensalter”. Doch was haben die Experten da in Wirklichkeit herausgefunden? Ein Blick in die Pressemitteilung der American Heart Association bringt folgendes zu tage:

Researchers found that the 10 percent with the lowest wealth had three times the stroke risk at age 50 to 64, compared with those in the 75-89th percentile. However, at age 65 and older, stroke risk was not significantly different between the two wealth groups for men or women.

Lower wealth, income and education in those age 50-74 were associated with a higher prevalence of high blood pressure, smoking, low physical activity, excessive weight, diabetes and heart disease – all risk factors for stroke.

Although higher education predicted a lower stroke risk among 50 – 64-year-olds, the risk was not significant after the researchers adjusted for income and wealth.

Education was not associated with lower stroke risk after age 65.

Diesen Ergebnissen kann man im wesentlichen entnehmen, dass die Schlaganfall-Risikofaktoren Bewegungsarmut, Übergewicht und Rauchen und folglich Diabetes und Herzkrankheiten eher in ärmeren Bevölkerungsschichten verbreitet sind. Eine Kausalität zwischen Armut und Schlaganfällen ist jedoch pure Spekulation, zumal nicht einmal gezeigt werden kann, wie es sich genau mit der Beziehung zwischen den Risikofaktoren und der Vermögens- und Einkommenssituation verhält. Indes schlussfolgern die Autoren:

“Lack of material resources themselves, and particularly wealth, appear to strongly influence people’s chances to have a first stroke,” Avendano said. “From a public health perspective, this would mean that diminishing the large wealth gap at age 50-64 also could help diminish the large disparities in stroke. However, diminishing wealth inequality requires transforming structural policies beyond the healthcare system that aim to redistribute income and wealth to benefit the most disadvantaged members of society.”

So einfach scheint die Lösung der Gesundheitsprobleme: Einfach durch Umverteilung ärmere Bevölkerungsschichten reich machen, was diese wie von Geisterhand dazu bringt, mehr Sport zu treiben, weniger zu essen, zu trinken und zu rauchen.

Eigenartig, schließlich braucht man für mehr Bewegung wenig Geld und bestenfalls etwas mehr Zeit. Weniger essen, trinken und rauchen sind ebenfalls gut für die Geldbörse. Verhaltensweisen also, die arme Menschen nicht gerade über ihre Verhältnisse leben lässt. Doch was, wenn die mangelnde Fähigkeit zur Überwindung, fehlende Disziplin und lückenhaftes Wissen über die gesundheitlichen Konsequenzen der Völlerei ein generelles Problem und damit ein Grund für die geringere Fähigkeit zur Schaffung von Wohlstand in den betroffenen sozialen Gruppen ist? Dann wäre Bildung und nicht Umverteilung eine Präventionsstrategie, die sowohl die Voraussetzung für eine bewusstere Lebensführung als auch bessere Chancen am Arbeitsmarkt und mehr Wohlstand schaffen würde. Doch das wäre keine Botschaft, die eine vom Sozialneid zerfressene Leserschaft zufrieden stellen würde.