Monatsarchiv: Juli 2008

Ein Danaer-Geschenk – nicht nur für Deutschlands Raucher

Ivo Podgorny

Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zu verschiedenen Nichtraucherschutzgesetzen verschafft manchen Eckkneipenbesitzern und Diskothekenbetreibern in ihrer Existenznot Luft. Wer aber grundsätzlich auf eine Beschränkung staatlicher Gewalt in privaten Räumen – und das sind gastronomische Einrichtungen – gehofft hatte, der kann nur enttäuscht sein. Denn ausdrücklich behält es das BVerfG dem Gesetzgeber vor, zum Schutz vor den Gefahren des Passivrauchens ein Rauchverbot zu erlassen, das noch deutlich radikaler ausfällt, das sogar die gesamte Gastronomie ohne jede Ausnahme erfasst. Angesichts der Vehemenz, mit der diejenigen Politiker, die Rauchverbote eingeführt haben, vorgegangen sind, erscheint diese Lösung wahrscheinlicher zu sein als ein Zurückstutzen der Regeln in einer Art und Weise, die die Frage des Nichtraucherschutzes wieder mehr den Bürgern und Wirten selbst überantwortet. Weiterlesen

Papa wirds schon richten

Woran erkennt man autoritäre Wirtschaftspolitik? An dem Glauben, dass allein Investitionen des Staates in der Lage sind Wachstum und Produktivitätsgewinne zu generieren. Nur wenn der Vater entscheidet, was mit dem Einkommen der Familie angestellt wird, kann etwas Vernünftiges dabei herauskommen. Ob nun Mama statt der Garage lieber einen Wintergarten gebaut hätte oder das Töchterchen das Bildungsgeld statt in die von Papa empfohlenen gesammelten Werke von Karl Marx lieber in ein Notebook nebst Internetanschluss investieren würde, ist egal. Was Papa sagt ist richtig und allein selig machend.

Den Eindruck bekommt man zumindest, wenn man sich die jüngsten wirtschaftspolitischen Vorstellungen der Linkspartei anschaut. Dort werden zwar Steuersenkungen nicht völlig abgelehnt, doch einen stimulierenden Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung mag man diesem fiskalischen Rückzug des Staates nicht zugestehen. Steht doch die finanzielle Entlastung der Bürger sogleich unter Generalverdacht in die falschen Taschen zu gelangen und zwar derjenigen, die ihr Einkommen nicht vom Staat, sondern gegen eine privat erwirtschaftete Leistung beziehen. Das kann ja für den Konsum nicht gut sein. Dagegen glaubt man in Kreisen linker Wirtschaftsexperten, dass allein öffentliche Investitionen und staatlich geförderte Arbeit die hiesige Wirtschaft voran bringen.

Nur mag man sich fragen, was die entlasteten Bürger mit dem höheren Einkommen anders als der Staat anfangen. Sie erhöhen ihren Konsum oder die Ersparnis oder gar beides. Und sicher werden sie auch in die Lage versetzt mehr Geld in ihre Bildung und den Erhalt ihrer Gesundheit zu investieren. Ansonsten wird mehr konsumiert oder das gesparte Geld in Form von Investitionen verwendet. Der Staat macht das selbe, mit dem kleinen Unterschied, nicht die individuellen Pläne der privaten Haushalte, sondern die Vorstellungen von Politikern, Bürokraten und Lobbyisten zu verwirklichen. Eine Erklärung, warum private Einkommensverwendung die Wirtschaft weniger voran bringen sollte als das öffentliche Verbraten des Volkseinkommens, bleibt man uns schuldig. Auch sehen linke Wirtschaftspolitiker in planwirtschaftlicher Investitionspolitik keinen Widerspruch zur selbst propagierten “Politik des kleinen Mannes”. Es ist eben eine autoritäre Wirtschaftspolitik, die ihren Wählern nicht viel mehr Verantwortungs- und Entscheidungskompetenz zubilligt, als das Kreuzchen bei der “richtigen Partei” zu machen.

Prima Klima mit den Kinder-Cops?

Kinder sind seit jeher eine willkommene Hilfe für Interessengruppen mit totalitären Ambitionen. Sie sind begeisterungsfähig und mangels eigener Erfahrung, begrenztem Wissenshorizont sowie fehlender materieller Unabhängigkeit eher bereitwillig Autoritäten zu akzeptieren. Und so bleibt es nicht aus, dass Kinder immer wieder einzeln oder in Gruppen für die Durchsetzung politischer oder unternehmerischer Ziele instrumentalisiert werden, um in dieser Funktion die Zivilgesellschaft zu unterwandern. Nicht nur als spitzelnde Streifendienste der Hitlerjugend oder FDJ-Gruppen auf der Jagd nach Fernsehantennen für den Empfang von Westfernsehen (Aktion Ochsenkopf). Nein, nach den Vorstellungen einer Energiesparalternative der Firma npower sollen Kinder nun auch als Climate Cops in der eigenen Familie oder bei Freunden auf die Jagd nach Energie verschwendenden “Klimaverbrechern” gehen, wobei sie sich auf der eigens dafür in Netz gestellten Webseite das nötige Equipment für diesen “Dienst an der Sache” beschaffen können.

Diese und ähnliche Aktionen zeigen deutlich, dass der Umweltschutz als Ideologie zunehmend radikalisiert. wird. Statt nüchterner Überlegungen über die Relation von Kosten und Nutzen der Inanspruchnahme von Umweltgütern greifen die Trittbrettfahrer der Umweltpolitik zu immer radikaleren Lösungen, die keine Nuancen, sondern nur noch eindimensionale und drastische Lösungen kennten Dabei verschwimmen auch die begrifflichen Dimensionen. Papa wird zum Verbrecher, weil er den Fernseher im Standby betreibt oder sein Handy auf der Ladestation vergisst. Mama verspielt die Zukunft der Menschheit aufgrund einer zu langen oder zu heißen Dusche und weil sie darauf beharrt auch weiterhin den Wäschetrockner zu benutzen. Was als Straftat gilt oder nicht definiert nicht mehr das Strafgesetzbuch, sondern wie in diesem Fall der Energieversorger oder im Zweifel auch die Ortsgruppe des Umweltverbandes.

Abgesehen davon, dass die Spitzeldienste unserer Kinder herzlich wenig zur Reduzierung etwaiger Klimaprobleme oder anderer Umweltprobleme beitragen, läuft es einem kalt den Rücken herunter, wenn Interessengruppen versuchen Argumente und Anreize durch Stigmatisierung zu ersetzen, wenn Kinder genötigt werden die Interessen ihrer Familie zu Gunsten platter Heilslehren zu untergraben. Energieeffizienz kann und soll Kosten sparen, mehr nicht. Auf keinen Fall soll sie zum Religionsersatz werden und schon gar nicht zum Spielplatzersatz für gelangweilte Kinder.

Via Watts Up with That?

Klimapolitische Abenteuer? Yes, we can!

Der US-Präsidentschaftskandidat Barack Obama findet hierzulande nicht nur deshalb Freunde, weil er zum Symbol für ein Amerika ohne George Bush geworden ist, sondern sich auch nicht scheut, eine Blaupause politischer Fehler der Europäer zum Programm zu machen. Eindrucksvolles Beispiel ist sein energie- und klimapolitischer Plan.

Viel Platz ist nicht für eine umfangreiche Problemanalyse, denn bereits nach einem mahnenden Dreizeiler über die energiehungrige Abhängigkeit der USA vom Ausland und einer lapidaren Wiederholung der üblichen Phrasen vom schon sichtbaren Klimawandel geht es auf Obamas Wahlkampfportal im Internet munter los mit den großen Entwürfen der Klimapolitik.

Da sollen die Kohlendioxidemissionen bis 2050 um 80 Prozent reduziert werden und Instrument der Wahl, welcher Europäer hätte es anders erwartet, ist der Emissionshandel. Das Debakel des europäischen Emissionshandels, der außer höheren Energiepreisen und einem aufreibenden Verteilungskampf um die geldwerten Emissionsrechte unter den Energieproduzenten nicht viel für das Weltklima gebracht hat, wird dabei nicht erwähnt. Auch nicht, dass Ökonomen mehrheitlich der Meinung sind, dass ein Instrument wie der Emissionshandel mit starren Emissionszielen im Zusammenhang mit dem extrem unsicheren Umweltproblem des Klimawandels nicht das richtige Instrument ist, schon gar nicht bei nationaler Anwendung auf ein mutmaßlich globales Umweltproblem. Da die Schadenskosten des Klimawandels und die Kosten der Vermeidung von Kohlendioxid weder zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch bis weit in die Zukunft genau bekannt sind, ist der Emissionshandel etwa so effizient wie eine Fahrt in einem Schnellzug, von dem man nicht genau weiß, in welchem Bahnhof er eigentlich ankommen wird. Für einen Wahlkämpfer, der bereits für Absichtserklärungen Vorschusslorbeeren erhält und sich um die volkswirtschaftlichen Konsequenzen nicht oder sehr viel später kümmern muss, sind derartige Details, die bereits viele Europäer nicht vom Applaus für ihre Politiker abgehalten haben, kaum der Rede wert.

Auch die Förderung der Biokraftstoffe ist auf Obamas Wunschliste, ungeachtet der Tatsache, dass tagtägliche neue Nachrichten über deren klägliche Klimabilanz und die verheerenden Folgen für die Nahrungsmittelpreise vor allem in den armen Regionen dieser Welt durch die Presse gehen. Da hilft es auch kaum, dass er sich vor allem um die vielversprechenden Biokraftstoffe der zweiten Generation kümmern will, bei denen man sich mehr Klimaschutz und weniger Nahrungsmittelkonkurrenz erhofft. Ob sich die Energieindustrie später tatsächlich an ihre Versprechungen hält, mit der Nutzung landwirtschaftlicher Abfälle angebaut auf minderwertigen Böden deutlich weniger Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion aufzubauen, mag angesichts der in Aussicht gestellten Subventionen und der staatlich vorgeschriebenen Zwangsnachfrage stark bezweifelt werden. Allein die Idee schon heute Milliarden öffentlicher Gelder in eine Technik versenken zu wollen, obwohl mit den selben Mitteln mit konventionellen Maßnahmen wesentlich mehr Klimaschutz und vor allem mehr Anpassung gegen die mutmaßlichen Folgen des Klimawandels erreicht werden könnte, zeugt nicht gerade von weiser Politik. Aber sie ist populär, der quasi unerschütterliche Glaube des europäischen Wahlvolks in die segensreiche Förderpolitik der erneuerbaren Energien belegt dies eindrucksvoll.

Ebenso wie die Europäer tappt Obama auch die Falle der Energieeffizienzpolitik. Keine Frage, der wirtschaftliche Umgang mit Energie ist eine wichtige Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg. Eigenartig, dass dem sonst so geschmähten Profitstreben der Märkte in dieser Sache so wenig Vertrauen geschenkt wird. Wenn, wie politische Kommentatoren so oft betonen, die Trauben der Energieeffizienz tatsächlich so niedrig hängen, Geld also sprichwörtlich auf der Straße liegt, wer wenn nicht die eigennützige Hand des Unternehmers würde am schnellsten zugreifen. Ebenso wie Europas Politiker gehen Obama und seine Berater offenbar davon aus, dass die Investition in energieeffiziente Technik keinerlei Kosten verursacht. Dem ist mitnichten so und weshalb man den Abgleich der Energieeffizienzkosten mit den erwarteten Nutzen schlichtweg den Betroffenen überlassen sollte, falls man tatsächlich Wert auf die Interessen der Adressaten einer Effizienzpolitik legt. Auch wird beflissentlich vergessen, dass eine Subventionierung von Energieeffizienz den Energiehunger im Zweifel noch vergrößert. Schließlich verkauft sich in der Regel immer gut was billig ist.

Dass Obamas Rede heute Hunderttausende zur Siegessäule in Berlin zieht, zeigt: Wir Europäer mögen ihn. Warum wohl? Vielleicht, weil er sich zumindest in der Energie- und Umweltpolitik anschickt dieselben Fehler wie wir zu machen. Das schweißt nicht nur zusammen und macht uns im Zweifel zu Leidensgenossen, hat aber vielleicht auch deshalb seinen Charme, weil uns dann niemand mehr mit besserem Beispiel voran gehen kann. Wer wird schon gern an seinen Fehlern gemessen?

In den Wind geschrieben

Ein Zitat aus dem EON-Wind-Report 2005 spricht Bände:

Ein objektives Maß dafür, inwieweit Windenergieanlagen traditionelle Kraftwerke ersetzen können, ist der Beitrag zur gesicherten Leistung, den Windenergieanlagen in einem bestehenden Kraftwerkspark leisten. Auf etwa diese Leistung kann im herkömmlichen Kraftwerkspark verzichtet werden, ohne dadurch das Niveau der Versorgungssicherheit zu beeinträchtigen.

Wie hoch dieser Beitrag der Windenergieanlagen zur gesicherten Leistung ist, wurde 2004 in der dena-Netzstudie sowie zusätzlich im Auftrag der deutschen Übertragungsnetzbetreiber in einer Studie des Instituts für Elektrische Anlagen und Energiewirtschaft (IAEW) der RWTH Aachen untersucht.

Beide Studien kamen unabhängig voneinander zu nahezu identischen Ergebnissen: Die Windenergie trägt heute mit rund 8 % ihrer installierten Leistung zur gesicherten Erzeugungsleistung des Gesamtsystems bei. Nur in diesem Umfang kann sie herkömmliche Erzeugung ersetzen. Mehr als 90 % der installierten Windkraftleistung müssen also weiterhin in traditionellen Kraftwerken vorgehalten werden.

Dabei gilt: Je höher der Anteil der Windkraft im Gesamtsystem wird, desto niedriger ist der relative Beitrag zur gesicherten Leistung. Dies lässt sich darauf zurückführen, dass mit steigender Windenergieleistung die geringere Verfügbarkeit der Windenergieanlagen mehr und mehr die Zuverlässigkeit des Gesamtsystems bestimmt. Die höhere Verlässlichkeit herkömmlicher Kraftwerke rückt damit zunehmend in den Hintergrund.

Daher wird der relative Beitrag der Windkraft zur gesicherten Leistung unseres Versorgungssystems gemäß IAEW-Studie bis zum Jahr 2020 kontinuierlich auf etwa 4 % sinken (BILD 7). Konkret heißt dies, dass im Jahr 2020 bei einer im Rahmen der dena-Netzstudie prognostizierten Windkraftkapazität von über 48.000 MW rund 2.000 MW an thermischer Erzeugung durch diese Windenergieanlagen ersetzt werden könnten.

Der Ausbau der Windenergienutzung dürfte also weniger eine Investition in die Zukunft der deutschen Energieversorgung, als vielmehr in die subventionierten Portfolios einiger weniger Trittbrettfahrer der deutschen Klimaschutzpolitik darstellen.

Alles Bio oder was?

Fast alles geht auf die Kappe der Bioenergie. Das jedenfalls ist die Aussage einer neuen OECD-Studie zu den Gründen und Konsequenzen der jüngsten Lebensmittelpreisexplosion. Die Studie beschreibt nicht nur, dass bei nur die Getreide- und Pflanzenölproduktion der vergangenen Jahre weniger schnell wuchs wie die potentielle Nachfrage nach diesen Produkten, wobei allein 60 % des Nachfragezuwachses auf den Verbrauch pflanzlicher Energieträger zurückzuführen ist. Die Lebensmittelnachfrage aus China und Indien kann dagegen kaum als Preistreiber ausgemacht werden, denn in beiden Ländern ist die Produktion von Getreide stärker gestiegen als der Verbrauch. China ist inzwischen Nettoexporteur in diesem Bereich und ein Rückgang der Handelsbilanz bei Getreideprodukten wird erst für das nächste Jahrzehnt erwartet.

Auch Spekulation ist angesichts sehr begrenzter Lagerauslastung nicht als Preistreiber auszumachen. Anders als beim Öl können reale Preiseffekte im wesentlich nur durch eine Lagerung der geernteten landwirtschaftlichen Produkte ausgelöst werden, da Agrarprodukte jeweils neu produziert werden müssen und nicht wie Erdöl in tiefen geologischen Schichten der Erde lagern.

Schließlich ist in den hohen Ölpreisen ein Einfluss auf die Agrarpreise zu sehen, da die landwirtschaftliche Produktion für Bodenbearbeitung, Bewässerung, Düngung und Ernte auf Techniken mit teilweise recht hohen Energieverbräuchen zurückgreifen muss.

Der weitestgehend nur durch Subventionen und Verbrauchsquoten erreichte Einsatz von Bioenergie ist mit seinen Vermeidungskosten von 960 bis 1700 US-$ pro Tonne eingesparten Kohlendioxids nicht nur auf dem Papier ein aberwitzig teures Unterfangen. Nein, die reale Belastung gerade der ärmsten Menschen dieser Erde durch diese Politik dürfte wohl auch dem wohlgenährten Deutschen nachhaltig den Appetit verderben. Es wird Zeit, dass diese Botschaft bei den Verantwortlichen ankommt.

Die Hexenjagd von heute

Björn Lomborg und Luboš Motl über den destruktiven Umgang mit wissenschaftlichem Widerspruch.

Lesen sie dazu auch auf oekologismus.de.

Üble Spekulanten?

Der rapide Anstieg vieler Rohstoffpreise wird sehr gern Spekulanten zur Last gelegt. Was ist dran an diesem Vorwurf?

Schaffen Börsenspekulanten es, die aktuellen Preise mit ihren Marktaktivitäten tatsächlich über das durch fundamentale Faktoren mittelfristig bestimmte Niveau anzuheben? Zunächst nicht so einfach, wie Lieschen Müller sich das im Allgemeinen so vorstellt. Börsenspekulation, die den Preis über das fundamental begründbare Niveau erhöhen, würden einen Keil zwischen Angebot und Nachfrage treiben, der sich in einer erhöhten Lagerhaltung niederschlagen müsste. Hierzu ein Beispiel: Bei einem Preis von 90 $ pro bl ist der Markt bei einer Menge von 85 Mio. Barrel pro Tag ausgeglichen. Würde ein Erwerb von Future-Kontrakten den Spotmarktpreis auf 130$ erhöhen käme es zu einer entsprechenden Reaktion der Marktteilnehmer. Nachfrager reduzieren ihre Nachfrage etwas (sagen wir auf 84,5 Mio. Barrel) und Anbieter erhöhen ihre Produktion leicht (z.B. 85,5 Mio. bl). Aufgrund der spekulativen Nachfrage würde sich demnach jeden Tag ein Angebotsüberhang von 1 Mio. bl Öl ergeben, der sich in einer entsprechenden Lagerhaltung niederschlagen müsste. Auch wenn die Investmentbanken und Hedge-Funds kein physisches Öl handeln, die Wirkung auf den Spotpreis würde reale Transaktionen erfordern. Auf der Grafik ist jedoch keine zunehmende Lagerhaltung der Ölvorräte zu erkennen. Eine direkte Hortung des Öls in Tankanlagen findet also nicht statt.

Dennoch ist eine Beeinflussung der heutigen Rohstoffpreise durch spekulative Geschäfte nicht von der Hand zu weisen. Zu stark reagieren die Spotmarktpreise auf neuerliche Marktinformationen. Handelsaktivitäten, denen Erwartungen über die zukünftige Entwicklung der Fundamentaldaten zugrunde liegen, dienen der Absicherung der Marktteilnehmer gegen die Kostenbelastung von Preisschwankungen. Nachfrager und Anbieter von Rohstoff können erheblich rentabler wirtschaften, wenn sie zumindest mittelfristig mit stabilen Marktdaten rechnen können.

Befürchtet etwa eine Fluggesellschaft einen Preisanstieg im kommenden Sommer und kauft sie Futures für eine Augustlieferung zu einem erwarteten Preis. Steigen die Preise, erhöhen sich zwar die Kosten der Kraftstoffbeschaffung für die Fluggesellschaft, da sie jetzt teureres Kerosin auf dem Markt kaufen muss, aber sie kann diese Kosten durch die Erlöse aus den ebenfalls teurer gewordenen August-Futures kompensieren. Im Prinzip wirkt dieses Geschäft, als würde der Verkäufer das Kerosin zu dem verhandelten günstigeren Preis liefern und der Käufer diese Menge zum aktuellen Marktpreis wieder verkaufen. Die Fluggesellschaft gibt für diese Versicherung den Gewinn auf, den sie bei fallenden Preisen machen würde, da die Futures ihren Wert verlieren.

Ölgesellschaften versuchen sich dagegen gegen einen Preissturz zu versichern indem sie Futures zum erwarteten Preis verkauft. Liegt der tatsächliche Preis dann doch höher, profitieren sie zwar von diesem Preisanstieg müssen aber entweder das Öl zum mit dem Future verhandelten Preis liefern oder den Future wieder zu seinem aktuellen höheren Preis zurück kaufen. Damit haben sie sich gegen einen Preissturz abgesichert, weil sie für das Öl jetzt auf jeden Fall den vereinbarten Preis bekommen, müssen dabei auf den zusätzlichen Erlös aus eventuellen Ölpreissteigerungen verzichten.

Was aber ist die Funktion von institutionellen Spekulanten, die nicht an physischen Öllieferungen interessiert sind? Sie erhöhen schlichtweg die Anzahl der Marktakteure und stellen damit sicher, dass so viele Nachfrager wie möglich Anbieter für ein Absicherungsgeschäft finden, d.h. sie versorgen den Markt mit Liquidität. Da keine Garantie besteht, dass jeder Ölnachfrager einen Anbieter für sein Sicherungsgeschäft findet, würde ein Überhang an Nachfragen zu einer Verteuerung der Futures führen. Hier springen professionelle Spekulanten ein und beliefern die Nachfrager, so dass der Preis für die Futures sinkt. Andere wollen gekaufte Futures wieder verkaufen, um zu vermeiden tatsächliche eine physische Lieferung zu bekommen. Ein institutioneller Anleger findet sich als Handelsmittler, diese Kontrakte zu übernehmen, um sie wiederum weiter zu verkaufen. Sie übernehmen das damit verbundene Risiko, weil sie aufgrund ihrer Expertise davon überzeugt sind, den Markt besser als die jeweils andere Marktseite zu kennen.

Dementsprechend versorgen sie mit ihrem Angebots- und Nachfrageverhalten den Markt mit zusätzlichen Informationen. Gehen Spekulanten von einer Erhöhung der zukünftigen Nachfrage oder Reduzierung des Angebots aus, antizipieren sie also steigende Preise, fragen sie mehr Futures nach, was deren Preis erhöht. Dementsprechend passen die anderen Marktteilnehmer ihr Verhalten an.

Diese Informationen haben natürlich reale Wirkungen, indem sie etwa die Anbieter von Erdöl dazu bewegen ihre aktuelle Lieferungen zu reduzieren, Nachfrager ziehen dagegen ihre Käufe in die Gegenwart vor um den steigenden Preisen zu entgehen. Zukünftige Preiserwartung auf Basis von Marktinformation schlagen sich in den aktuellen Preisen nieder und erlauben den Marktakteuren auch ohne spezifische Marktinformationen eine rechtzeitige Anpassung an die zukünftige Knappheit. Ohne diese zusätzlichen Informationen würden Schocks bzw. Veränderungen der Marktsituation zu wesentlich höheren Friktionen führen. Spekulanten steuern also dem Markt vor allem Informationen bei, die die eigentlichen Rohstoffnachfrager zur Veränderung des Marktverhaltens bewegen.

Was, wenn alle Spekulanten falsch liegen? Was, wenn sie eine Verknappung aufgrund höherer Nachfrage oder eines sinkenden Angebots erwarten, entsprechend am Markt aktiv werden und damit eine Veränderung von Angebot und Nachfrage herbeiführen, die so nicht nötig gewesen wäre? Gehen Spekulanten systematisch von falschen Erwartungen aus, können sich die Preisschwankungen sogar noch vergrößern. Doch Spekulanten müssen öfter richtig als falsch liegen, sonst könnten sie sich aufgrund der hohen Verluste dauerhaft nicht am Markt halten. Anders als der typische Wähler, Zeitungsjournalist oder auch Bürokrat muss der Spekulant seine Fehler in barer Münze bezahlen und wird deshalb das Geschäft aufgeben, wenn er oft genug daneben gelegen hat.

Bei all dem muss man auch im Auge behalten, dass jede Art staatlicher Energiepolitik, die den Bürgern Auflagen zum Umgang mit Energie vorschreibt im Kern eine Spekulation ist. Jede staatlich erzwungene Energiesparmassnahme bedeutet für den Bürger bestenfalls unter sehr restriktiven Annahmen über zukünftige Energiepreisentwicklungen eine tatsächliche Einsparung. Kommt es nicht so, liegen die Bürger mit ihren langfristigen Investitionen in Passivhäuser oder Energiesparlampen daneben und haben entsprechend Geld verschwendet. Ein Verzicht auf derartige “Spekulationen” ist nur durch Investitionszurückhaltung möglich. Wer im Glashaus sitzt sollte also nicht mit Steinen werfen.

Trügerisches Wundermittel

Besser als Bryan Caplan kann man das Problem der politischen Realität kaum ausdrücken:

In the hands of rational voters, government is strong medicine for public goods problems. But in the hands of real voters, government is usually a big bottle of snake oil.

Teures Öl?

Sicher, der rasch gestiegene Ölpreis belastet die private Haushalte ebenso wie deutsche Unternehmen. Doch bedeutet der hohe Ölpreis tatsächlich nur eine Belastung? Genauso könnte man fragen, ob das rasche weltwirtschaftliche Wachstum vor allem in China und Indien, als wesentliche Ursache des Ölnachfragebooms, tatsächlich schlecht für die Deutschen ist. Ganz im Gegenteil, bedeutet doch ein beschleunigtes wirtschaftliches Wachstum, dass weltweit mehr Güter als vorher hergestellt werden, die in einem globalem Wettbewerb angeboten zunehmend billiger auf die Ladentische kommen. So wundert sich niemand, dass trotz steigender Energiepreise immer billigere und bessere Produkte der Elektronik- und Unterhaltungsindustrie aus Fernost in unseren Geschäften angeboten werden. So hohe Preise für Öl auf dem Weltmarkt bedeuten doch letztlich nur, dass es Verbraucher und Produzenten gibt, die für die Erzeugung wertvoller Produkte bereit sind so hohe Kosten in Kauf zu nehmen. Sind wir Deutschen nicht willig mit dieser Nachfrage zu konkurrieren, weil uns unsere eingefahrenen Konsumgewohnheiten offenbar weniger wert sind, müssen wir uns in Verzicht üben oder nach Alternativen suchen, um in Zukunft sparsamer gut leben zu können. Das hadern mit der hohen Nachfrage nach Öl in anderen Teilen der Welt kann jedoch kaum die richtige Reaktion auf das Problem sein. Viel eher sollte man sich Gedanken machen, wie man der steigenden Nachfrage ein noch stärker steigendes Angebot gegenüberstellen kann. Und hier ist auch die Politik auf den Plan gerufen, schließlich beeinflusst sie mit ihren wirtschafts- und sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen maßgeblich die Investitionsbedingungen bei der Erschließung neuer Energiequellen und Rohstofflagerstätten.

Erinnerung: IUF-Veranstaltung am 16.07.2008 “Was treibt den Ölpreis?”